Der Auswahlprozess - 4 zentrale Fragen

Eine der meist gestellten Fragen vor dem Kauf einer Segelyacht lautet: Welches ist die beste Yacht? 


Würde diese Frage beantwortet werden können, so hätten sich - ähnlich wie bei PC- oder Smartphone-Betriebssystemen - nur einige wenige Hersteller und Modelle durchgesetzt. Dem ist jedoch nicht so. Die Anforderungen an eine Segelyacht sind so vielfältig wie die Menschen es sind. Also sollte man vielleicht besser fragen "Welches ist die optimale Yacht für mich?"  Aber auch das ist nicht so einfach, ist doch jede Yacht ein Kompromiss aus zahlreichen sich widersprechenden Anforderungen. Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen so wollen, seien einige Beispiele genannt, die gerne gemeinsam genannt werden, jedoch zu unterschiedlichen Rumpfformen führen:

  • hohe Geschwindigkeit  &  angenehmes Seeverhalten (ruhige Bewegungen)
  • geringer Tiefgang (für flache Buchten)  &  große Stabilität (für die Hochsee)
  • geringer Wartungsaufwand  &  viel Platz an Bord

Die erste Frage sollte daher lauten:

1. Welches sind die Einsatzszenarien meiner Yacht?

Diese Frage habe ich für mich wie folgt beantwortet:

  • Nutzungszeitraum: ganzjährig
  • Nutzungsart: im Sommer Segeln, im Winter "Ferienwohnung"
  • Liegeplatz: deutsche Ostseeküste (bevorzugt Lübecker Bucht)
  • Fahrtrevier: Ost- und Nordsee
  • Nutzungshäufigkeit: 4 Wochen und 12 Wochenenden (Leben auf dem Wasser)
  • Crew: Einhand, mit Familie, mit Freunden (max. 5 Personen)
  • Nutzungsdauer: 25 Jahre
  • in einigen Jahren Langfahrt (Blauwassmersegeln)

Nachdem die in meinem Fall recht vielseitigen und auf Langfristplanung ausgelegten Einsatzszenarien definiert sind, stellt sich die zweiten zentrale Frage:

2. Welche Anforderungen lege ich an das Design meine Yacht?

Um diese Frage fundiert beantworten zu können, gilt es möglichst spezifische Kriterien zu definieren und diese stichwortartig zu begründen oder näher zu beschreiben. Das sind meine Kriterien:

  • so klein wie möglich (geringe Unterhaltskosten, kräftesparende Bedienbarkeit, Liegeplätze in keinen Häfen, geringe Wartungszeiten)
  • so groß wie nötig (Stehhöhe, abgeschlossene Nasszelle, Pantry mit Backofen, 5 Kojen)
  • Pinnensteuerung (einfache Technik, direkte Steuerung, im Hafen und vor Anker mehr Platz im Cockpit).
  • Fallen am Mast belegt (geringere Reibung, Segel können beim Bergen sofort festgezurrt werden, geringe technische Komplexität)
  • möglichst großer Tiefgang (gute Höhe am Wind/geringe Abdrift, Sicherheit bei Sturm und hohem Seegang/aufrichtendes Moment)
  • möglichst geringer Tiefgang (Anlaufbarkeit von kleine Ostseehäfen und flacheren Ankerbuchten, näher an Land ankern)
  • hohe Wertstabilität (hohe Bauqualität, hochwertige Inneneinrichtung, bekannter Typ, bekannter Yachtdesigner, lange Bauzeit, klassischer zeitloser Riss, guter Ruf)
  • keine zu große Breite (Platz auch in kleinen Häfen, Kursstabilität auch bei starker Kränkung)
  • unterscheidbar gegenüber Großserienproduktionen von Dehler, Jeanneau, Bénéteau, Feeling, Hunter, Comfortina, Bianca, Bavaria usw. (Individualität!)
  • Scheuerleiste (sorgenfreies Anlegen)
  • gute Permanentlüftung durch Dorade-Lüfter (absolut zentral für angenehmes Raumklima und Schimmelschutz)
  • übersichtliche Elektrik-Verkabelung (spart Arbeit, erhöht die Sicherheit)
  • zwangsbelüftete Schapps (kein Schimmelbildung)
  • Heizung (Komfort)
  • gegenüberliegende Salonkojen, eine Seite als L- oder U-Sofa ausgeführt (wirkt großzügiger)
  • ausreichend Schrank-  bzw. Stauraum (Komfort)
  • kein Teakdeck (Gefahr von Leckagen, begrenzte Lebensdauer)

In einem dritten Schritt gilt es anhand der Einsatzszenarien und Kriterien die zentralen technischen Parameter der Yacht zu bestimmen. 

3. Welches sind die zentralen technischen Parameter meiner Yacht?

Voraussetzung für eine passgenaue Festlegung der technischen Daten sind Kenntnisse über den Yachtmarkt. Je detaillierter und besser diese sind, desto einfacher und zielgerichteten gelingt es, die eigene Yacht zu finden.  Ich grenze die Yachtsuche wie folgt ein:

  • Lange: 8,8 bis 10 m (29 bis 33 Fuß)
  • Breite: 2,9 bis 3,3 m
  • Tiefgang: 1,5 - 1,8 m
  • Verdrängung ("Gewicht"): 3,5 bis 5 t
  • Baujahr: 1993 - 2010
  • Preisrahmen: 30.000 - 45.000 €

Zeitschriften-Artikel, Fachforen und Gebrauchtbootportale liefern einen hervorragenden Überblick. Bewusst sollte man sich auch mit Yachten beschäftigen, die einem auf den ersten Blick nicht zusagen. Mit der Zeit, beginnt man ganz unbewusst Yachten in "Schubladen" zu stecken. Es gelingt immer besser, das Konstruktionsjahrzehnt zu erkennen, das Herkunftsland der Werft zu erahnen oder typische Merkmale bestimmten Yachtdesigner zu bestimmen. Nun wir es konkret.   

4. Welche Yachten passen in mein Schema?

Man sollte sich nun davor hüten, nach der "perfekten" Yacht zu suchen. Sowohl die Anforderungen als auch die technischen Daten sind nicht in Stein gemeißelt. Sie sind als grobe Richtwerte zu verstehen. Passt das eine oder andere Kriterium nicht, so ist die Yacht dennoch vielleicht geeignet. Doch Achtung: Während der Suche werden neue Wünsche geweckt. Es sei davor gewarnt, die Einsatzszenarien, Kriterien und Parameter "nach oben" zu schrauben. Werden wir nun konkret: Welche Yachten passen in mein zuvor festgelegten Schema?

  • Größtmögliche Übereinstimmung 
    • Victoire 933 (ab Bj. 1993) 
    • Winner 9.50 (ab Bj. 1996) 
  • Weitgehende Übereinstimmung 
    • Compromis 888 (ab Bj 1994) 
    • Hanse 311/312/315 
    • Delphia 31 
    • Delphia 33 / Delphia 33.3 
    • Elan 333

Nun fragt sich die kompetente Leser, weshalb ich genau diese Yachten gewählt habe. Bei dem zuvor genannten würden doch auch noch weitere Modell in Frage kommen. Und dieses leitet zu einer Einschätzung über, die als Ergänzung zur vorherigen systematisch-analytischen Vorgehensweise zu verstehen ist:

These: Die Entscheidung für oder gegen eine Yacht hat immer auch mit Emotionen, mit Gefühlen, mit Liebe auf den ersten Blick zu tun.

Subjektiv getroffene Entscheidungen lassen sich nicht ausschließlich rational erklären. Bei der Auswahl einer Yacht darf - und dieses gilt, so meine Überzeugung, für Entscheidungen in allen Lebensbereichen - weder die analytische Rationalität noch die subjektive Emotionalität ausgeblendet werden. Beides gilt es sich bewusst und explizit zu machen und explizit werden zu lassen. Ich schließe daher mit folgender These:

Nur wenn Rationalität und Emotionalität in einem Entscheidungsprozess zugelassen, explizit gemacht und aufeinander bezogen werden, ist Nachhaltigkeit und Zufriedenheit der Entscheidung gewährleistet.